Dienstag, 1. September 2009

HOHLKÖRPER und ENDZONE.

"Ich war schon etwas irritiert", erinnert sich Robert Mattheis, Autor des Romans HOHLKÖRPER, "ich war sogar sehr irritiert, als dieser Georg Baur mir sagte, mein Roman, den solle ich mal vergessen."
Mattheis' Miene verzieht sich noch bei der Erinnerung, als bisse er in eine saftig gelbe Zitrone. Er trägt einen blauen Anzug -- denselben, den er zum Vorstellungsgespräch bei Scholz & Friends anhatte. Während er damals aber noch mal mit blauem Auge davon kam, hat es ihn diesmal richtig gebeutelt. Mit Frau Kolossa ist halt nicht zu spaßen!
Mattheis beugt sich vor auf seinem Stuhl, wie von inneren Schmerzen geplagt. "Stellen Sie sich das mal vor!" ruft er verzweifelt aus. "Da steckt man jahrelange Arbeit, Herzblut, Achselschweiß in so ein paar Dutzend Seiten. Und dann wird's endlich gedruckt, das verdammte Ding. Und dann gehen Sie zu den Profis von Frau Kolossa, weil Sie für Ihr Buch natürlich, ganz klar, die bestmögliche Werbung wünschen. Und dann hören Sie so einen Scheiß! Dass Ihr Buch keine, absolut keine Chance habe!"

Doch der ersten Ernüchterung folgte gleich der nächste Rausch. Nicht nur, dass Baur, einer der Geschäftsführer der berühmtesten Phantasieagentur zumindest Deutschlands, reichlich Supermarkt-Kognak auffuhr, um die Stimmung zu drehen. Nein, er legte auch sein diabolisch cleveres Konzept dar. Denn natürlich, daran ließ Baur keinen Zweifel, sei ein Buch wie HOHLKÖRPER auf dem Markt erfolgreich nicht zu platzieren: "Das ist Murks, total überkandidelt, Schwuchtelgeschreibsel. Das lesen ja nicht mal Weiber! Dafür ist es viel zu kritisch!"

Baur blickte Mattheis, wie dieser sich fröstelnd erinnert, mit befremdlichem Ernst an, während er seine Überlegungen zum seiner Meinung nach sinnvollsten Vorgehen darlegte. Torben Otten, von Insidern als Baurs "rechte Hand und Hirnhälfte" beschrieben, nickte, lässig an den Schreibtisch gelehnt, düster und knapp zu den harten Worten seines Kompagnons.
"Nein, nein, das Buch darf für uns nur Vehikel sein", fuhr Baur fort, so Mattheis mit klappernden Zähnen und schweißfeuchtem Gesicht, "ein pures Mittel zum Zweck! Passen Sie auf, Herr Mattheis. Ich erklär's Ihnen." Gönnerhaft beugte Baur sich vor, legte seine zierliche Rechte auf Mattheis zitternde Säuferklaue. "Wir starten eine Kampagne für Utz Fellers nächstes ganz, ganz großes Ding. Denn darauf wartet die Welt ja -- sehr im Unterschied zu Ihrer Schwarte!"

Mattheis' zaghaften Einwand, Utz Feller, den Bestseller-Autor, gebe es ja gar nicht, den habe er für seinen Roman doch bloß erfunden, wischte Baur vom Tisch.
"Interessiert doch wirklich keine Sau, wen es gibt und wen nicht", machte der hartgesottene Medien- und Marketingprofi klar. "Oder, Torben?"
"Also, mich zumindest nicht", murrte der hartgesottene Textprofi.
"Meine Idee ist", dozierte Baur fort, jetzt einen kleinen Fußball durchs Büro kickend, "dass wir so tun, als handele es sich bei Ihrem Buch bloß um einen Appetizer. Als sei es selbst ein Werbemittel. Ein Marketing-Gag. Für den Roman ENDZONE von Utz Feller! Das macht die Leute dann neugierig auf Ihre HOHLKÖRPER. Die wollen natürlich wissen, inwiefern ein Buch mit so einem bescheuerten Titel etwas mit einem Megaseller zu tun haben kann."
Mattheis, der hartgesottene Autor, ließ den Kopf hängen.
"Okay", stöhnte er. "Wenn Sie meinen. Sie sind der Experte."

Baur lachte grell auf, sprang in die Höhe. Den Ball kickte er dabei durchs offene Fenster. Torben Otten schüttelte nachdenklich den Kopf und schlenderte ruhig hinüber, um dem Bremsenquietschen unten auf der Straße auf den Grund zu gehen.
"ENDZONE bringt Ihre HOHLKÖRPER glatt in die Gewinnzone, Herr Mattheis", lachte Baur, in die Hände klatschend.
"Und wenn die Leute aber am Ende tatsächlich nach der ENDZONE verlangen? Ich meine, wenn sie diesen ominösen Bestseller wirklich lesen wollen?"
"Na ja", stellte Baur trocken fest, "das Ding müssen Sie natürlich auch noch schreiben. Ich meine, das ist ja wohl logisch, oder?"
"Wär's nicht", mischte sich in diesem Augenblick Torben Otten vom Fenster her endlich noch mal ein, "wär's nicht auch geil, Georg, wenn's diesen Roman dann eben NICHT gäbe? Ich meine, wenn's nur ein Hype wäre, ohne jeden Inhalt?"
Baur hüpfte erneut in die Höhe vor Begeisterung.
"Natürlich!" schrie er. "Natürlich! Geil! Wie geil! Die HOHLKÖRPER sind nur ein leerer Hype, ohne jeden Inhalt! Torben! Du bist ein Genie!"

Festgehalten von Agenturchronist Robert Matheis, der bald in Hamburg und im Acabus Verlag erscheint.
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